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Was passiert danach?

Dieser Artikel entstand unter dem Eindruck und unter den Bedingungen einer Krise. Jetzt, wo in Österreich der Lockdown gelockert wird, stellt sich für viele die Frage „Was passiert danach?“

„Prognosen sind nicht die Zukunft“

Üblicherweise wird unsere Zukunft durch Prognosen geprägt. Dabei sind Prognosen statistische Aussagen, in denen die zur Verfügung stehenden Daten verwendet werden, um daraus eine Aussage über wahrscheinliche Ereignisse zu treffen. Wir wissen viel mehr nicht, als wir wissen. Prognosen helfen uns also nicht, die Zukunft vorwegzunehmen.

Aber: Sie helfen uns zu verstehen, welche Themen und Fragestellungen jetzt im Raum stehen.

 

„Corona macht die Welt! Nein! Ich mach mir die Welt – gerade jetzt!“

„Viel bedeutender als an Prognosen zu glauben, ist unser Umgang mit unseren Möglichkeiten, gleichsam unser innerer Zukunftskompass.“, sagt Harry Gatterer, Zukunftsforscher. Ob wir eine Krise als Chance sehen oder nicht, hängt nicht von der Prognose ab. Vielmehr hängt es davon ab, wie wir mit dieser Krise und dem vorhandenen Wissen umgehen. Prognose ist ein Werkzeug zur Orientierung und was wir für möglich halten der wahre Spielraum.

Die Frage muss also lauten: Wie stellen SIE sich die Zukunft vor? Diese Zukunft ist nämlich die einzige, die es für Sie gibt.

 

An dieser Stelle haben wir 3 Artikel von anerkannten Spezialisten zum Nachlesen.

TIPP: Sie können auf jeden einzelnen klicken, um direkt zum Beitrag zu gelangen.

Matthias Horx: „Nichts wird zu sein, wie zuvor.“

Li Edelkoort: „Neues Jahrhundert des Handwerk“

Andreas Herde und Oliver Burauen: „Auswirkungen der Corona-Krise auf Berufsbilder, Führung und die Gen Z“

 

 

Nichts wird so sein, wie zuvor.

Zukunftsforscher Mattias Horx sorgt mit seinem Text über die Zeit nach der Krise für Denkanstöße.

 

Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn „vorbei sein wird“, und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt. Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. Dafür möchte ich Ihnen eine Übung anbieten, mit der wir in Visionsprozessen bei Unternehmen gute Erfahrungen gemacht haben. Wir nennen sie die RE-Gnose. Im Gegensatz zur PRO-Gnose schauen wir mit dieser Technik nicht „in die Zukunft“. Sondern von der Zukunft aus ZURÜCK ins Heute. Klingt verrückt? Versuchen wir es einmal:

 

Die Re-Gnose: Unsere Welt im Herbst 2020

Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sitzen in einem Straßencafe in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Strasse bewegen sich wieder Menschen. Bewegen sie sich anders? Ist alles so wie früher? Schmeckt der Wein, der Cocktail, der Kaffee, wieder wie früher? Wie damals vor Corona? Oder sogar besser? Worüber werden wir uns rückblickend wundern?

Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre führten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen. Das hat schon mancher erlebt, der zum Beispiel Intervallfasten probierte – und dem plötzlich das Essen wieder schmeckte. Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst. Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an.

Jetzt im Herbst 2020 herrscht bei Fussballspielen eine ganz andere Stimmung als im Frühjahr, als es jede Menge Massen-Wut-Pöbeleien gab. Wir wundern uns, warum das so ist.

Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten. Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten (der Business-Flieger war besser) stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. Das Homeoffice wurde für Viele zu einer Selbstverständlichkeit – einschließlich des Improvisierens und Zeit-Jonglierens, das damit verbunden ist.

Gleichzeitig erlebten scheinbar veraltete Kulturtechniken eine Renaissance. Plötzlich erwischte man nicht nur den Anrufbeantworter, wenn man anrief, sondern real vorhandene Menschen. Das Virus brachte eine neue Kultur des Langtelefonieren ohne Second Screen hervor. Auch die „messages“ selbst bekamen plötzlich eine neue Bedeutung.

Man kommunizierte wieder wirklich. Man ließ niemanden mehr zappeln. Man hielt niemanden mehr hin. So entstand eine neue Kultur der Erreichbarkeit. Der Verbindlichkeit.

Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge (ein Wort, das vorher eher ein Fremdwort war). Bücher lesen wurde plötzlich zum Kult.

Reality Shows wirkten plötzlich grottenpeinlich. Der ganze Trivia-Trash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte. Nein, er verschwand nicht völlig. Aber er verlor rasend an Wert. Kann sich jemand noch an den Political-Correctness-Streit erinnern? Die unendlich vielen Kulturkriege um … ja um was ging da eigentlich?

Krisen wirken vor allem dadurch, dass sie alte Phänomene auflösen, überflüssig machen… Zynismus, diese lässige Art, sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten, war plötzlich reichlich out. Die Übertreibungs-Angst-Hysterie in den Medien hielt sich, nach einem kurzen ersten Ausbruch, in Grenzen. Nebenbei erreichte auch die unendliche Flut grausamster Krimi-Serien ihren Tipping Point.

Wir werden uns wundern, dass schließlich doch schon im Sommer Medikamente gefunden wurden, die die Überlebensrate erhöhten. Dadurch wurden die Todesraten gesenkt und Corona wurde zu einem Virus, mit dem wir eben umgehen müssen – ähnlich wie die Grippe und die vielen anderen Krankheiten. Medizinischer Fortschritt half. Aber wir haben auch erfahren: Nicht so sehr die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Die human-soziale Intelligenz hat geholfen. Die vielgepriesene Künstliche Intelligenz, die ja bekanntlich alles lösen kann, hat dagegen in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt.

Damit hat sich das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur verschoben. Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel, Träger aller Utopien. Kein Mensch – oder nur noch wenige Hartgesottene – glauben heute noch an die große digitale Erlösung. Der große Technik-Hype ist vorbei. Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?

Wir staunen rückwärts, wie viel Humor und Mitmenschlichkeit in den Tagen des Virus tatsächlich entstanden ist.

Wir werden uns wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie „Zusammenbruch“ tatsächlich passierte, der vorher bei jeder noch so kleinen Steuererhöhung und jedem staatlichen Eingriff beschworen wurde. Obwohl es einen „schwarzen April“ gab, einen tiefen Konjunktureinbruch und einen Börseneinbruch von 50 Prozent, obwohl viele Unternehmen pleitegingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten, kam es nie zum Nullpunkt. Als wäre Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar träumen kann.

Heute im Herbst, gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die Globale Just-in-Time-Produktion, mit riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung GloKALisierung: Lokalisierung des Globalen.

Wir werden uns wundern, dass sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfühlte. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.

Könnte es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?

 

RE-Gnose: Gegenwartsbewältigung durch Zukunfts-Sprung

Warum wirkt diese Art der „Von-Vorne-Szenarios“ so irritierend anders als eine klassische Prognose? Das hängt mit den spezifischen Eigenschaften unseres Zukunfts-Sinns zusammen. Wenn wir „in die Zukunft“ schauen, sehen wir ja meistens nur die Gefahren und Probleme „auf uns zukommen“, die sich zu unüberwindbaren Barrieren türmen. Wie eine Lokomotive aus dem Tunnel, die uns überfährt. Diese Angst-Barriere trennt uns von der Zukunft. Deshalb sind Horror-Zukünfte immer am Einfachsten darzustellen.

Re-Gnosen bilden hingegen eine Erkenntnis-Schleife, in der wir uns selbst, unseren inneren Wandel, in die Zukunftsrechnung einbeziehen. Wir setzen uns innerlich mit der Zukunft in Verbindung, und dadurch entsteht eine Brücke zwischen Heute und Morgen. Es entsteht ein „Future Mind“-Zukunfts-Bewusstheit.

Wenn man das richtig macht, entsteht so etwas wie Zukunfts-Intelligenz. Wir sind in der Lage, nicht nur die äußeren „Events“, sondern auch die inneren Adaptionen, mit denen wir auf eine veränderte Welt reagieren, zu antizipieren.

Das fühlt sich schon ganz anders an als eine Prognose, die in ihrem apodiktischen Charakter immer etwas Totes, Steriles hat. Wir verlassen die Angststarre und geraten wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder wahren Zukunft gehört.

Wir alle kennen das Gefühl der geglückten Angstüberwindung. Wenn wir für eine Behandlung zum Zahnarzt gehen, sind wir schon lange vorher besorgt. Wir verlieren auf dem Zahnarztstuhl die Kontrolle und das schmerzt, bevor es überhaupt wehtut. In der Antizipation dieses Gefühls steigern wir uns in Ängste hinein, die uns völlig überwältigen können. Wenn wir dann allerdings die Prozedur überstanden haben, kommt es zum Coping-Gefühl: Die Welt wirkt wieder jung und frisch und wir sind plötzlich voller Tatendrang.

Coping heißt: bewältigen. Neurobiologisch wird dabei das Angst-Adrenalin durch Dopamin ersetzt, eine Art körpereigener Zukunfts-Droge. Während uns Adrenalin zu Flucht oder Kampf anleitet (was auf dem Zahnarztstuhl nicht so richtig produktiv ist, ebenso wenig wie beim Kampf gegen Corona), öffnet Dopamin unsere Hirnsynapsen: Wir sind gespannt auf das Kommende, neugierig, vorausschauend. Wenn wir einen gesunden Dopamin-Spiegel haben, schmieden wir Pläne, haben Visionen, die uns in die vorausschauende Handlung bringen.

Erstaunlicherweise machen viele in der Corona-Krise genau diese Erfahrung. Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft. Die Welt „endet“, aber in der Erfahrung, dass wir immer noch da sind, entsteht eine Art Neu-Sein im Inneren.

Mitten im Shut-Down der Zivilisation laufen wir durch Wälder oder Parks, oder über fast leere Plätze. Aber das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang. So erweist sich: Wandel beginnt als verändertes Muster von Erwartungen, von Wahr-Nehmungen und Welt-Verbindungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren.

Vielleicht werden wir uns sogar wundern, dass Trump im November abgewählt wird. Die AFD zeigt ernsthafte Zerfransens-Erscheinungen, weil eine bösartige, spaltende Politik nicht zu einer Corona-Welt passt. In der Corona-Krise wurde deutlich, dass diejenigen, die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen, zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen haben. Wenn es ernst wird, wird das Destruktive deutlich, das im Populismus wohnt. Politik in ihrem Ur-Sinne als Formung gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten bekam dieser Krise eine neue Glaubwürdigkeit, eine neue Legitimität. Gerade weil sie „autoritär“ handeln musste, schuf Politik Vertrauen ins Gesellschaftliche. Auch die Wissenschaft hat in der Bewährungskrise eine erstaunliche Renaissance erlebt. Virologen und Epidemiologen wurden zu Medienstars, aber auch „futuristische“ Philosophen, Soziologen, Psychologen, Anthropologen, die vorher eher am Rande der polarisierten Debatten standen, bekamen wieder Stimme und Gewicht.

Fake News hingegen verloren rapide an Marktwert. Auch Verschwörungstheorien wirkten plötzlich wie Ladenhüter, obwohl sie wie saures Bier angeboten wurden.

 

Ein Virus als Evolutionsbeschleuniger

Tiefe Krisen weisen obendrein auf ein weiteres Grundprinzip des Wandels hin: Die Trend-Gegentrend-Synthese.

Die neue Welt nach Corona – oder besser mit Corona – entsteht aus der Disruption des Megatrends Konnektivität. Politisch-ökonomisch wird dieses Phänomen auch „Globalisierung“ genannt. Die Unterbrechung der Konnektivität – durch Grenzschließungen, Separationen, Abschottungen, Quarantänen – führt aber nicht zu einem Abschaffen der Verbindungen. Sondern zu einer Neuorganisation der Konnektome, die unsere Welt zusammenhalten und in die Zukunft tragen. Es kommt zu einem Phasensprung der sozio-ökonomischen Systeme.

Die kommende Welt wird Distanz wieder schätzen – und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten. Autonomie und Abhängigkeit, Öffnung und Schließung, werden neu ausbalanciert. Dadurch kann die Welt komplexer, zugleich aber auch stabiler werden. Diese Umformung ist weitgehend ein blinder evolutionärer Prozess – weil das eine scheitert, setzt sich das Neue, überlebensfähig, durch. Das macht einen zunächst schwindelig, aber dann erweist es seinen inneren Sinn: Zukunftsfähig ist das, was die Paradoxien auf einer neuen Ebene verbindet.

Dieser Prozess der Komplexierung – nicht zu verwechseln mit Komplizierung – kann aber auch von Menschen bewusst gestaltet werden. Diejenigen, die das können, die die Sprache der kommenden Komplexität sprechen, werden die Führer von Morgen sein. Die werdenden Hoffnungsträger. Die kommenden Gretas.

 

„Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen.“

Slavo Zizek im Höhepunkt der Coronakrise Mitte März

 

Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen, die das Coronavirus hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO2-Ausstoss der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen.

Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.

 

Aber sie kann sich neu erfinden.

System reset.
Cool down!
Musik auf den Balkonen!
So geht Zukunft.

 

Quelle: Matthias Horx (www.horx.com) und sein Zukunftsinstitut www.zukunftsinstitut.de

 

 

Mattias Horx

© Kurier/Juerg Christandl

 

 

 

Neues Jahrhundert des Handwerks

Li Edelkoort, die berühmteste Trendforscherin der Welt teilt ihre Gedanken und Prognosen zur Coronakrise

 

Disruptive Kraft der Covid-19 Krise von Lidewij Edelkoort

Die Trendforscherin Lidewij Edelkoort prophezeit der Modeindustrie eine noch nie dagewesene globale Rezession – nicht im monetären Sinn sondern im Hinblick auf die disruptive Kraft der Covid-19 Krise. Gleichzeitig sieht sie darin eine entfesselnde Kraft, welche die Konsummuster nachhaltig ändern werde.

„Plötzlich sehen Modeschauen bizarr und deplatziert aus und Anzeigen von Reiseanbietern werden als invasiv und lächerlich empfunden.“

Es wird viel Einsicht und Mut erfordern eine Wirtschaft mit neuen Werten und einem neuen Zugang zu Produktion, Transport, Vertrieb und Einzelhandel aufzubauen, so Edelkoort. Sie hofft, dass die Akteure die Chance ergreifen und ein anderes und besseres System etablieren. Ein System, das mehr Respekt vor menschlicher Arbeit und menschlichen Bedingungen zeigt.

Respekt vor menschlichen Bedingungen

Schon nach zwei Monaten reduzierten Produktionsbetriebs in China habe sich die Luft über den Industriezentren sichtbar geklärt, weiß die Trendforscherin. Inklusive der Flug- und Schiffsreisen, Urlaubsreisen, Geschäftsreisen und Transporte sei erhebliches Potenzial für einen positiven Umwelteffekt vorhanden.

Edelkoort wünscht sich, dass Covid-19 eine Rückbesinnung zur lokalen Produktion und zum Handwerk bringt und dass dieses auch eine entsprechende Wertschätzung erhält.

„Lokale Industrien und Aktivitäten würden an Schwung gewinnen und von Bürgerinitiativen wie Tauschhandelssysteme, runde Tische, Bauernmärkte und Straßenveranstaltungen, Tanz- und Gesangswettbewerbe sowie eine sehr dominante DIY-Ästhetik würden an die Macht kommen. Meine Zukunftsprognose für das Zeitalter der Amateure scheint viel schneller zu kommen, als ich erwartet habe.“

 

gekürzt; Quelle: https://www.vogue.de/mode/artikel/li-edelkoort-prognosen-zur-coronakrise

 

 

Li Edelkoort

© John Phillips

 

 

 

Auswirkungen der Corona-Krise auf Berufsbilder, Führung und die Gen Z

Andreas Herde und Oliver Burauen, Human Ressourcen Spezialisten

 

Wir befinden uns gerade, ausgelöst durch das Corona-Virus, in der größten Krise des 21. Jahrhunderts. Und seien wir ehrlich: Niemand kann heute mit Gewissheit vorhersagen, wann und wie diese Krise enden wird und welches Erbe in Form von Veränderungen in allen Lebensbereichen sie uns hinterlassen wird.

1. Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt mit diversen Strömungen

Die Krise wird ohne Zweifel heftige Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt auslösen. Trotz aller Bemühungen vonseiten der Unternehmen und der Politik wird es unausweichlich Insolvenzen mit Entlassungen geben. Unklar ist derzeit lediglich noch deren Ausmaß. Zumindest Teile der betroffenen Unternehmer und Arbeitnehmer werden sich, ganz gleich, ob aus freien Stücken oder notgedrungen, in ihrer beruflichen Tätigkeit neu orientieren.

Dabei werden wir drei Strömungen sehen:

  • Wir prognostizieren eine Art neuer Gründerzeit mit einer lokaleren und regionaleren Ausrichtung als bisher. Die Globalisierung hat in der Krise ihre Schwächen offenbart.
  • Wir lernen gerade schmerzhaft, dass es nicht immer klug ist, dass bestimmte Produkte, die zum Teil zwar simpel sind, aber sehr wichtig werden können, aus Kostengründen ausschließlich in Fernost produziert werden. Der Wunsch nach mehr Autarkie wird von einer Welle neuer Gründer bedient werden.
  • Wir werden zudem eine weitere Verstärkung des bereits vor der Krise vorhandenen Wunsches nach sinnstiftender beruflicher Tätigkeit sehen. Die Sinnhaftigkeit der beruflichen Betätigung wird gegenüber der turbo-kapitalistischen Ausrichtung noch einmal an Boden gewinnen.

2. Aufwertung von Berufsbildern

SWir werden auch eine Aufwertung vieler Berufsbilder erleben, deren Wichtigkeit vielen erst in der jetzigen Krise klar wird. Hierzu gehören zum Beispiel die Pflegeberufe. Deren Bedeutung für unser Gemeinwesen führte bislang leider eine Art Schattendasein. Nach der Krise werden wir erleben, dass die Wertschätzung für Krankenschwestern und Pfleger steigt und deren Ansehen vergleichbar wird mit öffentlich hoch angesehenen Berufen wie zum Beispiel der Feuerwehr. Und das ist gut. Aber auch bei der Bewertung der viel zu oft unterschätzten Tätigkeiten vieler anderer Helden des Alltags, exemplarisch seien die Beschäftigten im Lebensmittel-Einzelhandel genannt, erwarten wir mehr Fairness. Hier mischt sich unsere Prognose, das geben wir zu, ein wenig mit der Hoffnung, dass unser kollektives Gedächtnis hier deutlich über die Zeit unmittelbar nach der Krise hinausreichen möge.

3. Virtualisierung, Flexibilisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt schreiten voran

Die in der aktuellen Krise quasi erzwungene Virtualisierung, Flexibilisierung und Digitalisierung der täglichen Arbeitsabläufe besteht gerade die Feuertaufe. Ein medizinischer Virus wird also gerade zum Digitalisierungstreiber und beschleunigt eine Entwicklung, die bislang häufig von überkommenen Vorstellungen ausgebremst worden war. Von vielen Führungskräften bis dato skeptisch beäugte Tools wie Home-Office, collaborative digital work oder Video-Konferenzen sind aktuell alternativlos. Und siehe da: Es funktioniert. Dieser durch Corona erzwungene Erfahrungswert wird nachwirken. Anwesenheitskultur und der Kontrolltrieb vieler Führungskräfte wackeln gerade in ihren Grundfesten.

4. Führungskultur wird generalüberholt

Die gerade beschriebene Entwicklung wird auch massive Auswirkungen auf die Führungskultur haben. Führungskräfte, die old school auf Kontrolle und Anwesenheit setzen, stellen gerade schmerzhaft fest, dass ihr Führungsstil überholt ist, weil es auch ganz anders geht. Und zwar besser. Schon jetzt während der Krise wird deutlich, dass modernes Führen Moderation statt Kontrolle, das Einräumen von Freiräumen statt Restriktionen erfordert. Dieser Geist modernen, vorwärts gewandten und auf Vertrauen setzenden Führens ist nun dauerhaft aus der Flasche. Wir hoffen und glauben das zumindest.

5. Führungskultur wird generalüberholt

In der jetzigen Krise sehen Mitarbeiter sehr deutlich, wie ihre Arbeitgeber sie behandeln, wie groß das Commitment der Unternehmen für ihre Belegschaften wirklich und auch in Krisenzeiten ist. Illoyalitäten und Vertrauensbrüche werden sich die Beschäftigten sehr genau merken.

6. Gen Z wird neue Erfahrungen in einem geänderten Umfeld machen

Die Generation Z hat den Arbeitsmarkt bisher ganz überwiegend als Arbeitnehmer-Schlaraffenland kennengelernt. In einem nach der Krise umgewälzten Arbeitsmarkt-Umfeld werden diese jungen Leute deutlich veränderte Bedingungen vorfinden. Nicht mehr jeder Wunsch wird ihnen von den Lippen abgelesen und prompt erfüllt werden. Das wird eine neue Erfahrung für diese Gruppe sein und sie wird sich auf diese veränderten Bedingungen einstellen müssen. Es wird sehr spannend werden zu beobachten, mit welcher Flexibilität und Bereitschaft die jungen Kolleginnen und Kollegen diesen veränderten Bedingungen begegnen werden.

 

Quelle: https://www.wuv.de/karriere/sechs_prognosen_zur_arbeitswelt_nach_corona?xing_share=news

 

Andreas Herde und Oliver Burauen

 Andreas Herde und Oliver Burauen